Pensionistentreffen 2010 in Passau

24. Pensionistentreffen in Passau 28. 09. – 30. 09. 2010

Drei unbeschwerte Tage in der Drei-Flüsse-Stadt mit über 70 Teilnehmern
Wiedersehensfreude und herzliche Begrüßungen untereinander und vonseiten des Pensionistenbetreuers RSD a. D. Werner Reil wie auch von dem Ausrichter des Treffens vor Ort, RSD a. D. Lothar Öttl, konnten zwar weder den herbstlichen Regen noch die Regenschirme vertreiben, aber das kühle Nass war leichter zu ertragen, als man nach dem Auftakt-Mittagessen im Gasthaus „Altes Bräuhaus“ zum Zusammenfluss von dunkler Donau/Ilz und hellem Inn pilgerte. Die Flüsse haben sich tief in das kristalline Grundgebirge eingeschnitten. Wir nehmen hier an der Ortsspitze die große Reliefenergie wahr: links am gegenüberliegenden, nördlichen Ufer hoch über dem grünen Hang die Veste Oberhaus, rechts, jenseits des Inn hoch droben die Wallfahrtskirche Mariahilf und hinter uns auf der Halbinsel die Passauer Altstadt, an ihrem höchsten Punkt 13 Meter  über der Donau. Steile Gassen oder Treppen führen von den malerischen Uferpromenaden hinauf. Am Nachmittag in den Gisela-Schulen im Kloster Niedernburg begrüßen uns bei Kaffee und Kuchen zu den Klängen einer kleinen Gitarrenkünstlerin die ehrwürdigen Schwestern der Congregatio Jesu (früher Englische Fräulein) und die weltlichen Schulleiter OStD Rudolf Nerl und RSK Helmut Preuß, die Herren über 1100 Gymnasiasten und Realschüler. Die Klosterkirche ‚Zum Heiligen Kreuz‘ (mit einem Splitter des Grabkreuzes), eine romanische Pfeilerbasilika, dient den Schulen als Aula. Die verblichenen Deckenfresken im Vorraum, zum Beispiel der Streit zwischen Engel und Teufel um die dem Munde entweichende Seele des Lazarus, harren der künstlerischen Erneuerung.
Bei der obligatorischen Dreiflüsserundfahrt mit der „Sissi“ lachen die Regentropfen auf der Frontscheibe Hohn, als „An der schönen blauen Donau“ erklingt, aber wir trinken uns mit Weißbier, Urhell oder „Rotem Sturm“ das nasse Grau schön. Das historische Dinner im dunklen Stiftskeller der Heilig-Geist-Stiftskirche wird durch den „Stadtfuchs“, Herrn Koopmann alias Fürstbischof Urban von Treubach, mit seiner Geschichtsdarstellung zum humorvollen Highlight des Tages: Er rühmt sich, den gotischen Dom vollendet und der katholischen Religion zu ihrem Recht verholfen zu haben, er beschimpft das lutherische Lumpenvolk und unterbindet jede protestantische Agitation, doch für heute Nacht – versöhnlich lächelnd – gewährt er Dispens den Anwesenden: „Gebt den Protestanten ein paar Brotkrumen ab, damit sie unserer Nächstenliebe gewahr werden.“ Wir sind begeistert von seiner Kleidung, seiner (pseudo-)mittelalterlichen Art zu sprechen, seiner Einbeziehung des Publikums und seiner Schlagfertigkeit. Als der „fränkische Winzer Reil“ dem „Bischof“ Messwein schenkt, versichert dieser, ihn für die Gläubigen nicht mit allzu viel Wasser zu versetzen. Ohne vom „Messwein“ sichtbaren Schaden genommen zu haben führen uns der „Stadtfuchs“ und die „Marktfrau“ am nächsten Morgen in zwei Gruppen durch die Altstadt. Sie erzählen von der keltischen Siedlung, dem Römerkastell, dem Bischofssitz (739), dem Fürstbistum (1217), den Stadtrechten (1225), den Aufständen der Bürger gegen die Herrschaft der Fürstbischöfe und dem Ende des selbstständigen Fürstentums Passau zur Zeit der Säkularisation 1803. Am Donauufer liegt das Rathaus mit dem 38 Meter hohen Turm im venezianischen Stil, etwas oberhalb in der Milchgasse das „Scharfrichterhaus“, ein Palais von 1619 mit einem lauschigen Innenhof mit mediterranem Flair. Es ist seit den 70er Jahren ein Eldorado der Kleinkunst- und Kabarettistenszene.
Die St. Michael Kirche aus dem 17. Jahrhundert wird auch Studien- oder Jesuitenkirche genannt, weil sie zum ehemaligen Jesuitenkolleg mit bis zu 600 Priesteranwärtern gehörte. Ein Neffe des deutschen Kaisers, der Habsburger Bischof Leopold, hatte die Jesuiten nach Passau geholt. Die Tradition der Bildungsstätte wird – nur weltlicher – mit dem Gymnasium ‚Leopoldinum‘ fortgesetzt.
Der schönste Platz Passaus ist der Residenzplatz und man sieht es den Patrizierhäusern an, dass hier einst von den 9.000 Einwohnern nur die 20 reichsten Familien wohnten. Das Treppenhaus der Neuen Residenz besticht durch Marmor, Putten, Stuck an den Wänden und dem großartigen Deckengemälde „Die Götter des Olymp“ mit der Dame „Passavia“, dem Symbol des Fürstentums Passau. Ihr wird eine sich in den Schwanz beißende Schlange überreicht, dem Zeichen für Unendlichkeit, Ewigkeit. Doch die Daseinsberechtigung von Fürstbischöfen und die Selbstständigkeit gehen nur wenig später verloren: Säkularisation und Einverleibung durch Bayern.
Der Residenzplatz wird im Westen von der Domrückseite begrenzt, die als einzige bei dem großen Brand 1662 erhalten geblieben ist; drei Viertel des alten Gotteshauses fielen den Flammen zum Opfer. Der Wiederaufbau erfolgte im Barockstil, der in seiner Prachtfülle manchem Besucher den Atem nimmt, wenn er zum Orgelkonzert am Mittag den St. Stephans Dom betritt. Die im Hochaltar dargestellte brutale Steinigung des Märtyrers Stephan und die nachfolgende unbarmherzige Christenverfolgung in Jerusalem wollen nicht so recht zur heiteren Leichtigkeit der Stuckornamente und Fresken und zur gold-strahlenden größten Domorgel der Welt passen. Aber die Virtuosin, Domkantorin Brigitte Fruth, zieht sozusagen alle (229) Register und versucht das breite Spektrum der 17.974 Pfeifen zum Klingen zu bringen, so dass kein Raum für trübe Gedanken bleibt: Ein „höchst opulentes Fest für Augen und Ohren“ heißt es im Prospekt. Wie wahr!
Nach dem individuellen Mittagessen in der Altstadt in kleinen, aber feinen Zusammensetzungen freuen sich Kunstliebhaber im Museum Moderner Kunst an dem ausdrucksstarken Pinselstrich  von Henri Matisse, weniger über die derben Darstellungen von Erwin Eisch, während die Bewunderer der Glaskultur im berühmten Glasmuseum beim Rathaus 30 000 Exponate, zum Teil mit kunstvollen Gravuren unter anderem aus Schlesien, Böhmen, Bayern und Österreich bewundern.
Der späte Nachmittag wurde für uns alte Schulmeister höchst interessant, denn Frau Professor Dr. Jutta Mägdefrau, die einzige Lehrstuhlinhaberin für Realschulpädagogik in Deutschland, informierte uns in einem Hörsaal der jüngsten Universität Bayerns (1978 gegründet, 8000 Studenten) über ihre Arbeit. Als Aufgabe ihres Instituts nannte sie die schulartbezogene Forschung, die schulartspezifische Lehrerausbildung und damit ihre angestrebte  Verbesserung. Schwerpunkte seien Individualisierung, Standardisierung, pädagogisch-didaktische Qualifikation, Praxisbezug und Vorbereitung auf heterogene Klassen. Annähernd 500 Studenten bereiteten sich zurzeit in Passau auf das Lehramt Realschule vor, nach dem Modell Bachelor 70 (210 Punkte) und Master 14 Studierende (300 Punkte). 30 Punkte sollten pro Semester erreicht werden. Der Ministerialbeauftragte für die Realschulen in Niederbayern, Lt. RSD Michael Wagner, referierte über neue Entwicklungen. In diesem Schuljahr hat die Zahl der Realschüler nochmals um 4200 zugenommen, Sorge aber bereite die Wahl der Pflichtfächer. Die Schulen dürften nicht versäumen, den MINT-Bereich zu stärken (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik)! Die Zahl der Übertritte vom Gymnasium in die Realschule war mit 6 000 Schülerinnen und Schülern doppelt so hoch wie die von der Realschule in die Hauptschule. Das Gehörte gab genügend Diskussionsstoff für den Abend.
Das gemeinsame Schlemmeressen wurde im Lokal „Innsteg“ eingenommen, wo unsere stellvertretende Vorsitzende RSDin Iris Kaulich die Grüße von RSD Roland Schneidt überbrachte, von dem erfolgreichen Gespräch mit Minister Dr. Spaenle berichtete, einige Interna verriet und die feierliche Wimpelübergabe mitzelebrierte.
Der Super-Organisator Öttl hatte für diesen Abend keine Kosten und Mühen gescheut, eine „Live-Jukebox“ zu engagieren, die mit einem Repertoire von 1117 Songs aufwarten konnte, von A bis Z, von „Aber bitte mit Sahne“ über „Lemon-Tree“ und „Wind of Change“ bis zu „Zwickt´s mi“. Aber leider waren die Senioren und Seniorinnen viel zu verschwatzt – wie die Schüler! -, um der Gitarren- und Gesangeskunst des jungen Paares (sie hießen Christiane Öttl (kein Zufall!) und Andi Stockbauer) lauschen zu können.

Der Abschiedstag brach an und endlich schien die Sonne. Der 2. Bürgermeister Urban Mangold empfing die VBR-Mitglieder im großen Rathaussaal, der 1405 im venezianischen Stil erbaut wurde und mit Kolossalgemälden von Kriemhild aus dem Nibelungenlied und von Kaiser Leopolds Hochzeit 1676 geschmückt ist. Hier finden auch heute die Festakte der Stadt Passau statt. Herr Mangold ließ Geschichte und Bedeutung der 50 000 Einwohner zählenden Stadt vor unserem geistigen Auge ablaufen, er sprach von frühen Handelsbeziehungen, vom bedeutenden Salzumschlagplatz und vom Reichtum unter der Herrschaft der Fürstbischöfe. Das Trauma der Feuersbrunst von 1662 ist bei den Passauern noch allgegenwärtig und scheint weit schlimmer als das Hochwasser, das den Altstadtteilen auf  Flussniveau immer wieder „Land unter“ beschert. Passau ist Schul- und  Universitätsstadt, hat aber zudem im Dreiländereck eine große Wirtschaftskraft, die neuen Existenzgründern unbürokratisch unter die Arme greift. Letzteres kommt wohl weniger für die Schulleiter a. D. in Frage, doch Werner Reil beteuerte: „Wir haben uns sehr wohl gefühlt in Passau!“

Hoch über dem steilen, grünen Innufer liegt die 1627 errichtete Wallfahrtskirche Mariahilf, zu der 321 überdachte Stufen hinaufführen, die von manchen Hilfesuchenden auf Knien bewältigt werden. Wir allerdings fuhren mit dem Auto zur Pilgerstätte und genossen Besichtigung und Blick über Passau.
Das Abschiedsessen nahmen wir in Hinding im Restaurant „Blaas“ ein. Die Zuckermäulchen unter uns aßen die berühmte Spezialität Palatschinken mit Zwetschgen zu den „süßen“ Abschiedsworten, dem Dank für die ausgezeichnete Organisation von Herrn und Frau Öttl, das abwechslungsreiche Programm und den „Glücksfall Werner Reil“ als Pensionistenbetreuer.
„Auf Wiedersehen im nächsten Jahr in Kulmbach!“

Herbstlicher Regen am Dreiflüsseeck

Am Grab der Gisela, bayerische Prinzessin und ungarische Königin, im Kloster Niedernburg, 11. Jh.

Der Herr von hohem Adel versucht im 15. Jahrhundert zwischen den kämpferischen Bürgern, vertreten durch Bürgermeister Umann und Bischof Leonhard von Laiming alias Lutz zu vermitteln.

Residenzplatz mit Patrizierhäusern und Wittelsbacher Brunnen

Das Deckengemälde in der Neuen Residenz

Die größte Domorgel der Welt, Rokoko-Stil 1733

Lothar Öttl, Iris Kaulich, Werner Reil bei der Wimpelübergabe

Passau von Mariahilf aus gesehen

Herrlicher Blick beim Mittagessen in Österreich: Passau mit Zusammenfluss von Inn und Donau